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Apr
04

Singapur

I know that MICE-facilities don’t make money!

Das Marina Bay Sands mit dem einzigartigen Sky Park

Im Kasino stehen neben 1.500 Slot Machins über 600 Spieltische parat

Die beliebte Gastronomiemeile Boatquay

Singapur, auch Löwenstadt genannt, forciert den High-End-Fremdenverkehr. Spektakuläre Tourismusmagnete sollen dabei helfen. Ganz oben in dieser Kategorie hat sich das Marina Bay Sands positioniert, das am 23. Juni sein Grand Opening feierte.

Als Stadtstaat ist Singapur keine klassische Urlaubsdestination. Als Stopover- und Kurzreiseziel hingegen ist es sehr beliebt. Und als Meeting und Incentive-Destination besitzt der Inselstaat bereits seit Jahrzehnten internationales Renommee. Gleichwohl schrumpfte in 2009 auch im wachstumsverwöhnten Singapur nicht nur das Bruttoinlandsprodukt um zwei Prozent, sondern auch der Fremdenverkehr: Gegenüber 2008 sanken die Besucherzahlen in 2009 um 4,3 Prozent auf 9,7 Millionen. Parallel dazu reduzierten sich die aus dem Tourismus resultierenden Einnahmen um rund 18 Prozent auf 12,5 Milliarden S$.

Erfreulicher war in 2009 indes Singapurs Status als Kongressdestination. So konnte der Stadtstaat seine Position als weltweit beliebteste Meeting-Destination – zumindest im Ranking der Union of International Associations, UIA – zum dritten Mal in Folge als Nummer 1 in der Kategorie „Top International Meeting City“ sichern. Mit 689 gewerteten Meetings verwies Singapur Brüssel (395) und Paris (316) deutlich auf die Plätze zwei und drei.

Mit Auszeichnungen ist das so eine Sache, doch auch im zeitlich korrespondierenden Ranking der International Congress and Convention Association, ICCA, schaffte es Singapur mit 119 registrierten Verbandsmeetings auf Platz 5 in der Meetingwelt. Kein Zweifel also, in puncto MICE ist der Inselstaat ein internationales Schwergewicht.

Das kommt nicht von ungefähr, denn Singapur favorisiert  mit seinen gerade mal 710 Quadratkilometern Staatsfläche (zum Vergleich: Hamburg misst 755 qkm) fast zwangsläufig den High-End-Tourismus. Konkret geht es also um jene Reisenden, die in kurzer Zeit viel Geld ausgeben, wozu bekanntermaßen die MICE Klientel gehört.

Um zahlungskräftige Besucher gezielt anzulocken, fördern die Singapurer seit einigen Jahren verstärkt Investitionen in eine zielführende Infrastruktur. Dazu zählten in 2008 gleich zwei Superlative: der Singapore Flyer und der Formula One Singapore Grand Prix. Beide garantieren Exklusivität: Der Singapore Flyer ist mit 165 Metern das höchste Riesenrad der Welt. In seinen 28 Gondeln, die für Events angemietet werden können, finden bis zu maximal 784 Personen einen Platz. Und der Singapore Grand Prix ist nicht irgendein F1-Rennen, sondern das einzige Nachtrennen im ohnehin glamourösen Formel 1-Zirkus.

Im laufenden Jahr gingen zwei gigantische Integrated Resorts an den Start (dazu später mehr), und für 2011 stehen drei weitere einschlägige Großprojekte auf dem Plan: Aus der langjährigen Erfahrung mit der Night Safari im weltweit ersten Nachtzoo, um den der Singapore Zoo 1994 erweitert wurde, entsprang die Idee, nun eine River Safari ins Leben zu rufen. Eigens dafür wurde der in Mandai gelegene Flusssafari-Themenpark für S$140 Millionen erschlossen. Ab 2011 werden im ersten Park dieser Art in Asien Besucher vom Boot aus wilde Tiere beobachten können.

Im November des gleichen Jahres soll ferner die erste Bauphase der Gardens by the Bay abgeschlossen sein. Zu den Hauptattraktionen dieser drei Gärten an der Marina Bay zählen zwei gewaltige Gewächshäuser für Pflanzen aus kühleren Regionen. Hinzu kommen offene Areale für diverse Events, Aktivitäten im und am Wasser sowie Strandgärten.

Und last but not least will Singapur in 2011 seinen neuen International Cruise Terminal am südlichen Yachthafen in der Marina Bay einweihen. Dem neuen Terminal werden ein größeres Becken und größere Kais vorgelagert sein, damit hier selbst die neuen Großkreuzfahrtschiffe der sogenannten Oasis-Klasse ankern können. Flankierend wird dafür gesorgt, dass sowohl Passagier- als auch Kreuzfahrtschiffe einen besseren Zugang zum Hafen erhalten, wodurch die Passagiere innerhalb von lediglich 30 Minuten ein- bzw. ausschiffen können. Summa summarum wird der neue Terminal die bisherigen Kapazitäten verdoppeln.

Die spektakulärsten und teuersten Projekte in diesem Reigen liefen freilich dieses Jahr vom Stapel: die beiden Integrated Resorts „Resorts World Sentosa“, RWS, (Kosten:4,89 Mrd. USD) und „MarinaBay Sands“, MBS, (5,5Mrd. USD).

Während die RWS etwas verfrüht, da sichtlich unfertig, bereits im Februar ihre Pforten öffnete, verlegte Marina Bay Sands, obwohl ebenfalls noch nicht ganz fertig, aber nach dem Softopening im April zunehmend funktionsfähig, sein Grand Opening etwas geschickter in den Juni.

Beide Resorts haben ein ähnliches Konzept, bei dem die Cashcow Kasinobetrieb mit Shopping, Entertainment, Hotellerie, Gastronomie und Veranstaltungsgeschäft verbunden wird. Hauptumsatzbringer und einziger Grund für die hohen Investitionen ist freilich das Glücksspiel, für das Singapur als über Jahrzehnte hin ausgewiesener Glücksspielgegner (unter anderem) erstmals zwei Casino-Lizenzen vergab. Warum Singapur damit über seinen Schattensprang, liegt auf der Hand: Zum einen dürften die beiden Resorts dank Milliardenumsätzen bald ein bis zwei Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, zum anderen fördern sie exakt den von Singapur anvisierten High-End-Tourismus.

Während die ziemlich farbenfrohe und architektonisch verspielte RWS (Siehe Artikel „Platz für über 30.000 Teilnehmer“ in TW 1/ 2010) dabei, trotz diverser Veranstaltungsfazilitäten, augenscheinlich auf familientaugliches Entertainment setzt (neben dem Kasinogeschäft, versteht sich), definiert Sheldon G. Adelson, Chairman and CEO der Las Vegas Sands Corp. sein neues „Referenzresort“ als „kombiniertes Angebot zur Unterstützung des MICE Geschäftes der Destination“.

Adelson, dessen Vermögen derzeit auf über neun Milliarden US-Dollar taxiert wird, ist ein gewiefter Geschäftsmann, der primär Geld verdienen will, doch sein anlässlich der Eröffnungs-Pressekonferenz vor über 1000 Journalisten aus aller Welt abgegebenes Statement zur MICE-Ausrichtung seines neuesten Investments sowie sein hinterhergeschobenes Bekenntnis: „I come from the convention business.“ sind glaubhaft. Immerhin hatte er sich (mit Partnern) bereits anno 1989 das Sands Expo and Convention Center gebaut – das seinerzeit erste und einzige privatbetriebene Convention Centerin den USA.

Auch sprang Adelson während besagter Pressekonferenz am 23. Juni indirekt der Singapurer Regierung zur Seite, der wegen ihrer neuen Kasino-Politik Bigotterie vorgeworfen wird (Beispielsweise müssen Singapurer zu ihrem eigenen Schutz 100 S$ Kasino-Eintritt zahlen, während Ausländer freien Eintritt genießen.). So erklärte er das Kasinogeschäft kurzerhand zum „Mittel für den guten Zweck“: „I know, that MICE facilities don’t make money!“ Deswegen bräuchte man schlichtweg das Kasino, um damit unter anderem das Convention Center zu subventionieren.

Eine geschickte Argumentation, da Tagungszentren tatsächlich subventioniert werden müssen, was speziell für solche, wie das Mammut-Center von Marina Bay Sands gilt. Als „Alibi“ hätte sicherlich ein kleineres gereicht. „Die Meetingräume unseres Centers“, erläutert Adelson,„entsprechen flächenmäßig denen der 35 größten Hotels vor Ort zusammengenommen.“ Übertreibung? Keineswegs.

Das Sands Expo and Convention Center stellt auf fünf Stockwerken 120,000 Quadratmeter Meeting- und Ausstellungsfläche zur Disposition, kann in seinen 250 Meetingräumen bis zu 45.000 Delegierte aufnehmen und trumpft mit dem größten Ballsaal der Region auf. Auf dessen 8.000 Quadratmetern Fläche können 11.000 Personen tagen oder 6.600 an Tischen dinieren. Zudem verfügt das Center über weitläufige Foyer- und Terrassenflächen. Ein weiterer Trumpf des Centers besteht darin, dass Veranstaltungsteilnehmer problemlos und unmittelbar auf all die anderen Angebote des Resorts zugreifen können.

Dazu gehören die angrenzende Shopping Mall The Shoppes mit rund 300 Geschäften auf knapp 75.000 Quadratmetern, Dutzende gastronomische Einrichtungen, darunter Restaurants von international profilierten Küchenchefs, zwei exklusive Nightclubs, die zwei MBS-Theater mit zusammen 4,000 Sitzen und wechselnden Shows, das Art-Science-Museum in Form einer Lotus-Blüte, die Event Plaza an der Marina Bay, das Casino mit über 600 Spieltischen, 1.500 Slot Machines und 30 privaten Spielräumen auf zusammen 15.000 Quadratmetern sowie das Marina Bay Sands Hotel mit dem Sands Sky Park.

Optisch dürfte das Marina Bay Sands Hotel derzeit weltweit das außergewöhnlichste Hotel sein. Es besteht aus drei 55-stöckigen Türmen, die in 200 Meter Höhe vom 340 Meter langen Sands Sky Park gekrönt werden. Auf diesem gigantischen, 12.000 Quadratmeter großen Dachpark befinden sich u.a. ein öffentliches Observationsdeck, kleine Gärten, ein Nobelrestaurant und vor allem ein 150m langer Pool. Die Aussicht von hier oben ist selbstverständlich sensationell. Daneben behauptet sich das Marina Bay Sands Hotel dank 2.561 Zimmern als größtes Hotel in der Löwenstadt.

Entsprechend seiner Komplexität und Kapazitäten hat sich das MBS hohe Ziele gesteckt. „Marina Bay Sands wird seinen Gästen wie kein anderes Resort in der Welt das beste Angebot aus Unterhaltung, Freizeit und Business bieten. Wir erwarten über 70.000 Gäste pro Tag und 18 Millionen Gäste im Jahr“, betont Thomas Arasi, Präsident und CEO von Marina Bay Sands.

Auch wenn Arasi hier keineswegs von ausländischen Gästen spricht, mutet diese Zahl unrealistisch an. Doch möglicherweise kann sie mit den laut Adelson angepeilten 25.000 Kasinobesuchern pro Tag, der Laufkundschaft der Shoppingmall, den Restautant- und Theaterbesuchern sowie den Veranstaltungsteilnehmern temporär sogar erreicht werden. So soll das Sands Expo and Convention Center schon 180 Veranstaltungen mit über 270.000 Teilnehmern in seinen Büchern haben, etwa den 2010 UFI Congress, die Cruise Shipping Asia 2011, die Industrial Fabrics Association International Expo Asia 2011 oder die Offshore Asia 2011.

Unbestritten ist jedenfalls, dass die beiden Integrated Resorts als starke Motoren für Singapurs Fremdenverkehr fungieren. Und der scheint in diesem Jahr zu florieren. Seit Dezember 2009 legten die monatlichen Einreisezahlen kontinuierlich zu. Und im Juli gelang es der Löwenstadt erstmals mehr als eine Million Besucher zu registrieren.
TF