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Okt
06

Globaler Meetingmarkt

Die Gewichte verschieben sich

Trotz steigender Staatsverschuldung und Börsenturbulenzen wächst die Weltwirtschaft. Auch in der Meetingindustrie ist die wirtschaftliche Talsohle überwunden. Und die IMEX bilanzierte Ende Mai mit abgeschlossenen Aufträgen in Höhe von 508 Millionen US-Dollar einen neuen Rekord.

Das Ergebnis der Umfrage war nicht wirklich überraschend. Michael Hughes, Managing Director des Beratungs- und Marktforschungsunternehmens ‘Red 7 Media’ präsentierte während der Jahrestagung der International Association of Congress Centres (AIPC) Ende Juni in San Diego eine Hochrechnung, die eine weltweit steigende Anzahl von Kongressteilnehmern und größere Umsätzen prognostiziert. 170 führende Kongresszentren von Macao bis Melbourne sind Mitglied in dem Weltverband AIPC und wurden zu ihrer aktuellen Lage und den Erwartungen für nächstes Jahr befragt. Die Rücklaufquote betrug 70 Prozent.

Prinzipiell wird dabei die Geschäftslage von asiatischen und australischen Kongresszentren deutlich optimistischer eingeschätzt. Europäische und nordamerikanische Zentren rechnen dagegen nur mit schwachem Wachstum. Die Großwetterlage in der Meetingindustrie ist zur Zeit wieder relativ freundlich. „Nach zwei schwierigen Jahren rechnen wir jetzt wieder mit einer um acht Prozent steigenden Anzahl von Meetings“, erklärt Bruce MacMillan. „Und mit um fünf Prozent steigenden Budgets“, fügt der Chief Executive Officer von Meeting Professionals International (MPI) hinzu. Anfang letzten Jahres hatten die Prognosen noch deutlich düsterer ausgesehen. 1.832 Meeting, Incentive, Congress und Event Professionals (MICE) wurden damals weltweit für die Studie FutureWatch 2010 befragt. Die größte Umfrage ihrer Art erhärtete den sich schon im Vorjahr abzeichnenden Negativtrend. Zum ersten Mal seit vielen Jahren musste die Meetings-Industrie nicht nur eine sinkende Anzahl von Meetings, sondern auch schrumpfende Budgets verkraften. Sowohl die 967 befragten Planer als auch die 813 Anbieter rechneten letztes Jahr erst Mal mit einem härter werdenden Preiswettbewerb, sinkenden Teilnehmerzahlen und Budgetreduzierungen.

Jetzt scheint nach zwei schwierigen Jahren die Trendwende geschafft worden zu sein. FutureWatch 2011 prognostiziert wieder mehr Meetings, ein insgesamt größeres Budget und steigende Teilnehmerzahlen. Wachstumstreiber sind dabei auf dem Nordamerikanischen Markt vor allem die Associations während sich in Europa ein deutlicher Zuwachs an Unternehmensmeetings positiv bemerkbar macht. „Während der vergangenen zwei Jahre ist Unternehmen, Verbänden und Organisationen klar geworden, dass persönliche Begegnungen von Angesicht zu Angesicht für den längerfristigen Erfolg ihres Geschäfts unabdingbar sind“, erklärt Craig Moyes, Group Exhibition Director von Reed Travel Exhibitions. Die riesigen Schuldenberge, die weltweit von den Staaten aufgehäuft worden seien, blieben zwar weiterhin bedrohlich, aber viele Unternehmen seien sehr liquide und müssen sich mehr denn je mit ihren Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten zusammenschließen und vernetzen, nennt Moyes einen Grund für die Erholung des Meetings-, Incentives- und Eventsmarkt. Und „die Tagungsbranche in den USA ist größer als die dortige Autoindustrie“, beschreibt er eine häufig unterschätzte Größenordnung Rund 1.000 geladene Einkäufern (Hosted Buyer) wurden dieses Jahr für die „IMEX Post-Show“- Studie befragt. Resultat der Umfrage: Die Einkäufer schlossen auf der Messe in Frankfurt Aufträge in Höhe von 508 Millionen US-Dollar ab, was einen Anstieg um 12,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Außerdem planen sie, innerhalb der nächsten neun Monate weitere Leistungen im Wert von rund 2,2 Milliarden US-Dollar zu buchen.

Die jüngsten Börsenturbulenzen werden der Weltkonjunktur nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) nichts anhaben. Grund dafür sei, dass „der globale Investitionsboom nach wie vor intakt ist und auch bleiben wird“, prognostiziert Direktor Michael Hüther. Denn die Entwicklung der großen Schwellenländer sei ungebrochen gut. „Die Gewichte in der Weltwirtschaft haben sich verschoben, die USA haben an Bedeutung verloren“, fügte der Ökonom hinzu. Die sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China seien in den vergangenen Jahren stärker gewachsen als die Weltwirtschaft. Sollten die vier Länder von „schwerwiegenden Wirtschaftskrisen verschont bleiben, sind sie die Handelsriesen von morgen“, sagte der IW-Direktor. So könnte die Gruppe laut Internationalem Währungsfonds ( IWF) bereits 2015 fast 30 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung erbringen und die Euro-Länder mit dann nur noch 13 Prozent weit hinter sich lassen.

Die Meetingindustrie spiegelt dabei die globale Ökonomie. Schon 2014 werden die Länder Brasilien, China, Indien und Russland für über 60 Prozent des Wachstums der Branche verantwortlich sein“, blickt Rob Davidson, Dozent an der University of Westminster für Business Travel & Tourism in die Zukunft. „In den letzen Jahren spielen die BRIC-Länder eine zunehmend prominente Rolle“, hat auch Craig Moyes beobachtet. Die China Incentive, Business Travel & Meetings Exhibition (CIBTM) in Beijing beispielsweise habe seit ihrer Premiere 2005 derart an Dynamik gewonnen, dass sie bereits heute zur führenden Messe ihrer Art in Asien avanciert sei. Und den chinesischen Meetingmarkte taxiert die weltweit größte Servicegesellschaft für Locationsuche und Veranstaltungsplanung HelmsBriscoe „auf 150 Milliarden US-Dollar mit jährlichen Wachstumsraten von 20 Prozent“.

Gemessen an der Anzahl der jährlich veranstalteten Verbandstreffen sind die USA weltweit immer noch der wichtigste nationale Markt. Mit insgesamt 623 im Jahre 2010 stattgefundenen Verbandsmeetings rangierten die USA gemessen an der Zahl der veranstalteten Treffen mit großem Abstand auf Platz 1, gefolgt von den europäischen Ländern Deutschland (mit 542 Meetings in 2010), Spanien (451), Großbritannien (399) und Frankreich (371). Aber der Vorsprung schmilzt. „In den vergangenen 10 Jahren ist der Marktanteil der in der ICCA- Datenbank geführten US-amerikanischen Meetings jedoch von 9.1 Prozent auf 6.8 Prozent im Jahr 2010 gesunken“, rechnet Moyes aus. Allein im vergangenen Jahr verringerte sich der Abstand zwischen den USA und dem seit 2004 zweit platzierten Deutschland von 137 Meetings 2009 auf 81 im Jahr 2010. Als die größte Gefahr für die Weltwirtschaft, an deren Tropf die Meetingsindustrie zumindest mittelbar hängt, lauern jetzt neben neuen Spekulationsblasen in den Finanzmärken in der Verschuldung der öffentlichen Hand.

Griechenland droht derzeit eine Staatspleite, andere EU-Länder wie Portugal, Spanien, Irland oder Italien sind heillos überschuldet, der Euro ist unter enormen Druck geraten. „Wir haben es mit den Folgen der schwersten Rezession seit 80 Jahren zu tun,“ erläutert der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. „Alle fortgeschrittenen Volkswirtschaften haben zurzeit Probleme. Das Haushaltsdefizit von Großbritannien hat die Größenordnung Griechenlands. Das der USA liegt ebenfalls bei über zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, fügt Jürgen Stark hinzu. Trotzdem prognostizierte die Weltbank in ihrem Jahresgutachten für dieses Jahr einen Zuwachs der Wirtschaftsleistung von 3,3 Prozent. Für 2012 sagt das Institut ein Plus von durchschnittlich 3,6 Prozent voraus. Wachstumsmotoren seien auch künftig die Schwellen- und Entwicklungsländer, die Hälfte des Leistungszuwachses werde dort generiert. „Die starke Binnennachfrage in den Schwellenländern führt die weltweite Wirtschaft an“, bilanziert Weltbank-Chefvolkswirt Justin Yifu Lin. Das rasanteste Wachstum verzeichnet dabei nach wie vor die Asien-Pazifik-Region mit insgesamt 9,3 Prozent und China mit 8,7 Prozent Zuwachs. DM