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Okt
06

Case Study Bregenz

Große Bühne vor Alpenkulisse

Aus dem Bodensee erhebt sich ein riesiger Oberkörper, 161 Treppenstufen führen über die Brust bis zum Gesicht. Unter dem spektakulären Bühnenbild der Oper „André Chénier“ fand Mitte April in Bregenz die Dreiländertagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Nuklearmedizin statt.

Es ist vor allem die außerordentliche Schönheit der Kulisse, die die Bregenzer Festspiele international bekannt gemacht hat. Direkt am Bodensee gelegen, zieht die weltgrößte Seebühne mit ihrer unvergleichlichen Akustik Besucher aus aller Welt in ihren Bann. Jedes Jahr im Sommer wird auf einer fest verankerten Schauspielplattform im See eine Oper (seltener auch ein Musical oder eine Operette) aufgeführt. Das Festspielhaus bietet „eine einzigartige und erfreulich originelle Kulisse für einen wissenschaftlichen Kongress dieser Art“, blickt Götz Jonas, Geschäftführer des Kongressorganisators Vokativ, auf die Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Nuklearmedizin zurück, die hier vom 13. bis 16. April stattfand

Die Veranstaltung war mit 2.185 Teilnehmern aus 18 Nationen und 73 Ausstellern aus sieben Ländern der bisher größte Kongress, der im Festspielhaus Bregenz über die Bühne ging. „Die letzten Kongresse fanden in der Schweiz und Deutschland statt, Österreich war jetzt turnusmäßig dran“, erläutert Kongresspräsident Dr. Alexander Becherer einen Grund für die Ortswahl. Außerdem habe „die Firma Vokativ aus Göttingen, die den Kongress organisiert und betreut, sich verschiedene Orte und Kongresszentren angeschaut und ist dann zu dem Schluss gekommen, dass Bregenz durch das Festspielhaus, die Attraktivität des Ortes, die Erreichbarkeit und den Preis am attraktivsten ist“. Ungefähr alle fünf Jahre findet der Dreiländerkongress statt, im Jahr 2000 in München und 2005 in Basel. „Geografisch liegen wir am Rande von Österreich, der Schweiz und am Rande von Deutschland“, erklärt Gerhard Stübe, aber „für einen Dreiländerkongress ist die Lage zentral“.

Letztes Jahr hat das Festspielhaus seine Einnahmen um 24 Prozent auf 2,8 Millionen Euro gesteigert, resümiert der Geschäftsführer des Bregenzer Festspiel- und Kongresshauses. „Das ist abgesehen vom Ausnahmejahr 2008 mit dem James Bond-Dreh und der Fußball-EM – der höchste Umsatz in der Geschichte.“ Insgesamt 402 Veranstaltungen mit 383.000 Besuchern fanden dort im vergangenen Jahr statt. Dabei stieg die Zahl der Kongress- und Tagungsteilnehmer auf rund 36.000. „Dieser Erfolg ist das Ergebnis der jahrelangen, konsequenten Arbeit unseres ganzen Teams“, bilanziert Geschäftsführer Gerhard Stübe zufrieden. „Das Festspielhaus Bregenz hat heute sowohl in der Bodenseeregion als auch international einen guten Ruf als Veranstaltungszentrum.“

Letztes Jahr wurde die Location bereits zum zweiten Mal nach 2004 von dem internationalen Verband der Kongresszentren AIPC als eines der drei besten Kongresszentren der Welt ausgezeichnet. Der jährlich vom Verband verliehene APEX-Award basiert auf Kundenbewertungen. Unter anderem hatten an dem Award die Kongresszentren von Sydney und Vancouver sowie die Hofburg Wien, Congress und Messe Innsbruck und das Congress Center Rosengarten Mannheim teilgenommen. Bregenz wurde Zweiter.

Für die Auszeichnung durch die Association Internationale des Palais de Congres (AIPC) werden mehr als 30 national und international tätige Kunden der jeweiligen Veranstaltungszentren befragt. Kriterien sind unter anderem technische Ausstattung, organisatorische Leistung, Projektmanagement, Catering sowie Rahmenprogramm- Angebote. Auch im Ranking des Europäischen Verbandes der Veranstaltungs- Centren (EVVC) war die Landeshauptstadt des österreichischen Bundeslandes Vorarlberg erfolgreich und wurde letztes Jahr als eines der drei besten Häuser in der Kategorie Veranstaltungszentren mit bis zu 4.000 Plätzen ausgezeichnet. Dabei liegt die Kernkompetenz des Festspielhauses eher im Bereich von Kongressen bis zu 2.000 Teilnehmern, stellt Gerhard Stübe fest.

Das breite Spektrum von Kongressen über Opern, Musicals bis hin zu Bällen war im Krisenjahr 2009, in dem die Buchungen von Corporate Planern um 50 Prozent einbrachen, von Vorteil. Die Nachfrage nach Eintrittskarten für Konzerte, Festivals, Musicals und Galas blieb nicht nur stabil, sondern legte sogar zu. Krisenzeiten stärken traditionell die Nachfrage nach Unterhaltung und kulturellen Angeboten. Siebentausend Zuschauer fasst die größte europäische Festspielbühne. Von der Tribüne blickt man auf das scheinbar im See schwimmende Lindau und auf den 1064 Meter hohen Pfänder, den Hausberg von Bregenz. Mit seiner einzigartigen Aussicht auf Bregenz und die umliegenden 240 Alpengipfel ist er der berühmteste Aussichtspunkt der Region. Die Oper „André Chénier von Umberto Giordano ist für die Seebühne perfekt“, sagt Intendant David Pountney. Er hat das relativ unbekannte Werk über einen Dichter während der Französischen Revolution Mozarts „Zauberflöte“ vorgezogen. Im Zentrum der Handlung steht der Dichter André Chénier, der 1793 die Tat der Girondistin Marie-Anne Charlotte Corday feierte, die den Tyrannen Jean Paul Marat erstach. Dieser hatte im Namen der Revolution sehr viele Menschen aufs Schafott geschickt. Cordays Weg führte danach ebenfalls direkt unter die Guillotine. Und auch auf den Dichter Chénier saust kurz vor dem Ende der jakobinischen Schreckensherrschaft das Fallbeil herab.

Ein ideales Stück also für die Seebühne der Festspielstadt und trotzdem ein Risiko. Denn so sehr man für die Freiluftaufführungen am Bodensee auf Spektakel-Stücke angewiesen ist, so schwer ist es, jenseits des Evergreen-Kernrepertoires die jährlich 200.000 Besucher anzulocken, die das Festival braucht, um seinen Eigenfinanzierungsgrad von 75 Prozent erreichen zu können. Abgefedert durch die in den letzten beiden Sommern stets ausverkaufte Aida sowie durch die Ankündigung, 2013 und 2014 Mozarts Zauberflöte zu spielen, hat Intendant David Pountney das Stück gewagt – und gewonnen. Denn André Chénier erwies sich als absolut windund wetterfestes Open-Air-Stück. DM