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Nov
22

Meetings

Zuviel heiße Luft

Das Abschmelzen der Polkappen und das Verschwinden des Regenwaldes. Hungersnöte und Naturkatastrophen. Die Prognosen unterscheiden sich im Detail, aber nicht im Prinzip. Die Auswirkungen des Klimawandels werden dramatisch sein. Der Versuch gegenzusteuern, ist deshalb schon seit längerer Zeit ein Top-Thema von Meetings.

Vom Klimagipfel in Cancún meldete sich letztes Jahr die Welt-Meteorologieorganisation mit alarmierenden Daten. 2010 ist wohl eines der wärmsten Jahre weltweit - und das aktuelle Jahrzehnt das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. „Es ist fast sicher, dass 2010 unter den drei wärmsten Jahren seit Beginn der Aufzeichnungen 1850 ist“, sagte Michel Jarraud, Generalsekretär der Welt-Meteorologieorganisation (WMO) der Uno, am Rande der Klimakonferenz im mexikanischen Cancún.

Die WMO legt nahe, was schon länger vermutet wurde: Die Jahre 2001 bis 2010 dürften einen Wärmerekord aufstellen - als das wärmste Jahrzehnt seit Beginn der Messungen 1850. Michel Jarraud äußerte die Hoffnung, dass die alarmierenden Daten die Staaten bei den Verhandlungen über ein neues Klimaabkommen motivieren würden. Sollte nichts unternommen werden, werde die Temperaturkurve weiter steigen. Die Folge: Obdachlosigkeit, Dürre, Wasserknappheit - die Szenarien sind bedrohlich, die Konsequenzen erschreckend.

Während ein internationaler Klimagipfel nach dem anderen um verbindliche Vorgaben zur Reduzierung von Treibhausgasen ringt, versucht die Meetingindustrie ihr ökologisches Profil zu schärfen. Die IMEX, einer der beiden weltweit wichtigsten Branchentreffs der MICE-Branche, wirbt damit, dieses Jahr durch eine Kooperation mit der Deutschen Bahn (DB) eine umweltfreundliche Anreise zur Messe angeboten zu haben. Mit dem „Umwelt Plus“-Ticket sagte die DB zu, die benötigte Energie für die Reisen der geladenen Einkäufer (Hosted Buyer) zur IMEX komplett aus erneuerbaren Quellen bezogen zu haben. Erhältlich war das „Umwelt Plus“-Ticket für alle Hosted Buyer aus ganz Europa, die zur IMEX 2011 mit der Bahn anreisen wollten.

Der Weg führt in die richtige Richtung. Denn in der Veranstaltungsbranche gibt es zwei Bereiche mit besonders großem Einsparpotenzial: den Transfer und die Gebäude. Laut der Deutschen Bundesstiftung Umwelt entstehen je nach Veranstaltungstyp bis zu 80 Prozent der CO2-Emissionen bei der An- und Abreise. Und genau hier bietet das Ticket der Deutschen Bahn jedem Veranstaltungsplaner und allen Teilnehmern die Möglichkeit, aktiv Umweltschutz zu betreiben“, erklärt Matthias Schultze, Geschäftsführer des German Convention Bureau (GCB). „Nachhaltigkeitsaspekte werden in Zukunft vom bloßen Differenzierungsfaktor im Marketing zur notwendigen Bedingung für Geschäftserfolg“, meint Schulze. „Wenn es so weit ist, werden sich die Nachfrager allerdings kaum mehr mit intransparenten Zertifizierungen oder willkürlich gepflanzten Bäumen zufrieden geben. Sie werden nachvollziehen wollen, was die Anbieter wirklich leisten, ob sie es mit ihren nachhaltigen Absichten ernst meinen“, blickt der GCB-Mann in die Zukunft. Denn trotz aller abstrakten Diskussionen auf internationalen Klimakonferenzen über Emissionshandel, Anpassungsforschung und CO2-Ziele setzt sich bei den Menschen mittlerweile die Einsicht durch, dass nicht nur die Industrie Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst, sondern jeder einzelne mit seinem Konsumverhalten dazu beiträgt.

Dabei sind die Europäer inzwischen verhältnismäßig umwelt- und klimabewusst. 75 Prozent der europäischen Bevölkerung halten den Klimawandel derzeit für ein sehr ernstes Problem. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage im Auftrag der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlamentes.

Vor allem die Deutschen gelten traditionell als sehr umwelt- und klimabewusst. Bei einer Umfrage gaben 53 Prozent der Befragten an, dass das Thema Klimaschutz Einfluss auf das eigene Konsumverhalten hat. Natürlich werden auch weiterhin be

kante Klimasünden in Kauf genommen, wie zum Beispiel die Urlaubsfernreise. Durch einen einzigen Flug auf einen anderen Kontinent und wieder zurück bucht jeder ungefähr soviele Punkte auf sein persönliches Kohlendioxidkonto wie sonst im ganzen Jahr. Aber das Bewusstsein, auch als Einzelner etwas für den Erhalt der Umwelt tun zu können, hat sich etabliert. Klimawandel, Kohlendioxidausstoß, regenerative Energien, sogar Elektroauto – diese Begriffe gehen den meisten Menschen heute flüssig über die Lippen. Auch im Geschäftsreisebereich gewinnen umweltverträgliche Leistungen mehr und mehr an Bedeutung. Immer mehr Unternehmen fordern – auch aus Imagegründen – bei Tagungen Nachhaltigkeit ein.

Das beginnt bei den Ausschreibungskriterien. „Anfangs stand vor allem die Art der Anreise im Mittelpunkt“, sagt Holger Leisewitz, Leiter Conference und Event Management der Hamburger Beiersdorf AG. „Mittlerweile wird auch konkret nach der Umweltverträglichkeit des Hotels oder Tagungsbe¬triebs gefragt.“ Eines der am häufigsten angeklickten Worte auf Internetseiten von Kongressen und Veranstaltungen ist derzeit ‚klimaneutral’, obwohl das Wort falsch ist. „Klimaneutralität gibt es nicht. Für mich ist es das Unwort des Jahres“, stellt Matthias Schultze klar. „Es gibt immer nur Klimakompensation.“ Wirkliche ‚Green Meetings’ können daher nur ein Ziel verfolgen: den Energieverbrauch zu reduzieren. Aber auch das sei ein sehr ehrenwertes Ziel. DM