de
en
Jan
11

Wissenschaft/Bildung

Neue Kongresskultur im Festspielhaus Bregenz

BarCamper im Festpielhaus Bregenz holen sich Inspiration von innen und außen.

Lädt zum Mitmachen ein: das mobile Kochstudio.

Gemütlich plauschen, diskutieren und sozialisieren: BarCamper sind offen für alles.

Abseits von Vortragssaal und BarCamp mit insgesamt 1200 Teilnehmern bietet der Bildungskongress in Bregenz auch Ruheoasen.

Lediglich Ort, Datum und den thematischen Schwerpunkt geben die Veranstalter bekannt. Im Unterschied zu klassischen Tagungen mit wenigen Referenten und vielen Zuhörern, werden alle Teilnehmer eines BarCamps selbst aktiv. Erstmals im deutschsprachigen Raum fand ein Bildungskongress mit 1.200 Teilnehmern Ende letzten Jahres in diesem Format in Bregenz statt.

Hunderte Menschen strömen durch das Festspielhaus Bregenz. Sie verteilen sich im ganzen Haus auf Musikzimmer und Spielecken oder begeben sich mit bunten Sitzeiern unterm Arm zur Diskussionsrunde. An sich nichts Ungewöhnliches für ein Kongresshaus. Nur geschieht dies ganz spontan. Das endgültige Programm steht nämlich erst beim Start der Veranstaltung. Zum ersten Mal fand im Festspielhaus Bregenz am Bodensee ein BarCamp statt. Zu dieser „Premiere" kamen 1200 Interessierte. Sie nahmen am Bildungskongress zum Thema „Arche Nova – Die Bildung kultivieren" teil. Parallel wurden „klassische" Expertenvorträge im großen Festsaal gehalten.

Das Hamburger „Netzwerk Archiv der Zukunft" unter der Leitung von Reinhard Kahl hatte sich dazu entschlossen, „zweigleisig" zu fahren. Sowohl die Vorträge im großen Saal, als auch die zahlreichen Mini-Veranstaltungen im BarCamp – die „Sessions" – kamen bei den 1200 Pädagogen gut an.

Mitmach-Konferenzen
Was genau ist ein BarCamp? BarCamp ist eine partizipative Veranstaltung, bei der jeder Teilnehmer gefordert ist, aktiv mitzumachen. Organisiert werden BarCamps komplett via Internet. Für Gerhard Stübe, Geschäftsführer des Festspielhaus Bregenz ist diese „neue Kongresskultur der Brückenschlag vom klassischen Kongress zum Tagungsformat der Zukunft. Sie unterscheidet nicht zwischen Experten und Nicht-Experten. Und sie verknüpft die neue, digitale mit der analogen Kongresswelt."

Langfristige Planungen gibt es keine. Lediglich Ort, Datum und den thematischen Schwerpunkt geben die Veranstalter bekannt. „Über ein Google-Formular melden sich die Teilnehmer an. Auf der Plattform Etherpad geben sie ihre Themen bekannt, die hier für alle ersichtlich sind. Das Etherpad dient sozusagen als ‚Informationsbroschüre'", erklärt Guido Brombach, der den BarCamp-Teil des Kongresses organisiert hat.

Digitale trifft analoge Welt
Beim Kongressstart vor Ort orientieren sich die Teilnehmer an Twitterwalls. Hier erst ist das komplette Programm ersichtlich. Aktiv beteiligen sollen sich alle. „Berieselung" ist bei BarCampern nämlich tabu: Wird keine eigene Session initiiert, so werden zumindest Diskussionsbeiträge und rege Zusammenarbeit erwartet.

Via Social Networks wie Facebook, Twitter und auf Blogs tauschen sich die Teilnehmer auch später noch aus und teilen Fotos und Videos über Flickr und Youtube.

Ursprünglich ist BarCamp eine Erfindung der Web 2.0-Community. Einige Vertreter lehnten die herkömmlichen „elitären" Tagungen ab und veranstalteten erstmals 2004 ein BarCamp im kalifornischen Palo Alto. Man traf sich, um Wissen auf gleicher Ebene auszutauschen – Expertenstatus hatte hier niemand.

Offenheit und Flexibilität
Manchen Teilnehmern beim Bildungscamp in Bregenz kam das Programm allerdings zu kurzfristig. Brombach ist von dem jungen Tagungsformat dennoch überzeugt: „Das ist eben Teil des Konzepts. Ich weiß zwar erst kurzfristig, was auf mich zukommt, kann aber selbst mitgestalten." Für seine eigene Berufsgruppe hält er das Format für besonders geeignet: „Wir Pädagogen sind es gewohnt, vor anderen zu sprechen und sind bereit zu lernen." Der Großteil teile die Einschätzung. „Das BarCamp war klasse", meinte etwa ein Teilnehmer. Einige wünschten sich sogar mehr Raum für BarCamp und weniger Vorträge im großen Saal.

Flexibilität erfordert ein BarCamp auch vom Tagungsort. „Da ein BarCamp kurzfristig entsteht, muss man spontan auf die Anforderungen der Mitwirkenden eingehen können", sagt Gerhard Stübe, Geschäftsführer des Festpielhaus Bregenz. Beim Bildungskongress liefen immer mehrere Sessions gleichzeitig, verteilt im ganzen Haus. Stündlich wurden Räume, Gänge, Foyers für die folgenden Sessions wieder komplett umgekrempelt.

Herausforderung für Veranstaltungsort
„Insgesamt war der Ablauf reibungslos", resümiert Ruth Weidermann, Projektleiterin vom Festpielhaus Bregenz. Die Räume wurden mit Beamer, Flipchart, Pinnwänden und Stuhlstapel ausgestattet. „Das reichte, wir waren eher überbereit, Dinge zur Verfügung zu stellen. Die Teilnehmer haben die meisten Geräte und Utensilien selbst zum Kongress mitgebracht und dort platziert, wo sie sie brauchten. Von Stiften über Laptops bis zu Möbeln", sagt sie.

Spontane Hilfe von der Festspielhaus-Crew war in manchen Fällen dennoch nötig. „Die Teilnehmer haben Sessions auch kurzfristig in andere Räume verlegt. Dann wurden rasch zusätzliche Stellwände benötigt oder mehr Hängemöglichkeiten für Plakate. Aber Not macht erfinderisch: Einmal musste eben eine Wäscheleine helfen", schmunzelt Weidermann.

Da das gesamte Programm – wie bei BarCamps üblich – via Twitterwalls, PC und Beamer während des Kongresses kommuniziert wurde, befürchtete Weidermann, dass eventuell das Internet nicht standhalten könnte. Jedoch zu unrecht, wie auch Guido Brombach bestätigt. „Das war dort überhaupt kein Problem."

Aus der Erfahrung lernen
Die inspirierende Atmosphäre am See schätzten Veranstalter wie Teilnehmer. Von „anregend", „motivierend" bis zu „absolut genial" reichten die Urteile. Reinhard Kahl meinte sogar: „Das Festpielhaus hat die Veranstaltung in stürmischer See in den sicheren Hafen gelenkt."

Bei der Fülle an Sessions und parallel laufenden Vorträgen hätte man jedoch etwas abspecken können, waren sich am Ende Veranstalter und Teilnehmer einig. Einige bedauerten, interessante Themen verpasst zu haben.

„Da teils drei oder vier Sessions in einem Raum stattfanden, reichten Stellwände manchmal nicht aus, um Störungen zu vermeiden", gibt Brombach zu. Projektleiterin Ruth Weidermann denkt daran, bei künftigen BarCamps die Werkstattbühne zu nützen. Dieser riesige Raum kann rund 1.000 BarCampern genügend Platz bieten, Parallelveranstaltungen ohne Störungen abzuhalten. Der Überblick über das, was gerade läuft, fällt hier eventuell leichter. Spätestens 2013 könnte diese Alternative interessant sein. Dann wird das „Netzwerk Archiv der Zukunft" wieder das Festspielhaus beehren. Daniela Kaulfus