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Feb
18

Zum Jubiläum der International Congress and Convention Association (ICCA)

50 Jahre Verbändetagungen in Deutschland

ICC Berlin in den 1970er Jahren

ICC Berlin in den 1970er Jahren

ICC Berlin in den 1970er Jahren

ICM München

Dr. Hans-Joachim Mürau, DGVM

Vor einem halben Jahrhundert war zwar die Technik noch nicht so weit wie heute und es gab weit weniger große Kongresszentren, aber das Bedürfnis zum Austausch war stark. Eine Erfolgsgeschichte.

Deutschland belegt beim ICCA-Ranking seit sieben Jahren die Nummer eins in Europa und die Nummer zwei weltweit hinter den USA. Doch der Weg nach oben war ein langer. Vor 50 Jahren gab es nach der ICCA-Statistik gerade einmal 221 Verbändetagungen in Deutschland. 2011 waren es hingegen 5.557.

Die Anzahl der Versammlungsstätten im Land hat drastisch zugenommen: Stand 1963 gerade mal eine Hochschule für Tagungen zur Verfügung, sind es derer heute 536. Dazu je um die 600 Hotels und Kongresszentren sowie fast 300 andere Locations, so dass nach ICCA-Erhebung um die 2.000 Orte der Begegnung in Deutschland zur Verfügung stehen. Das GCB German Convention Bureau stellt in seinem jährlichen Meeting- und EventBarometer fest, dass Verbände in Deutschland für die Durchführung ihrer Veranstaltungen vor allem Tagungshotels (47,5 %) nutzen. Veranstaltungszentren spielen ebenso eine große Rolle (37,6 %). Eventlocations werden von Verbänden im Vergleich zu anderen Veranstaltern weniger gefragt (14,9 %).

Die Themen: Medizin und Wissenschaft standen laut ICCA-Statistik schon immer an der Spitze, gefolgt von Industrie und Technologie. Die Zahlen haben sich auch hier in jedem Bereich um ein Vielfaches entwickelt: von 108 zu 1.190 im Bereich Medizin, von 114 zu 918 in der Wissenschaft, von 56 zu 440 in der Industrie sowie von 49 zu 800 im Bereich Technologie.

Was den Städtevergleich angeht, waren die Top drei immer München, Berlin und Hamburg – bis sich in den 1980er-Jahren Berlin an die Spitze setzte und München auf Platz zwei verwies. Über die Jahre konnte Berlin seinen Vorsprung noch gewaltig ausbauen. Lagen die drei Städte vor 30 Jahren noch in etwa gleich auf, werden in Berlin heute doppelt so viele Veranstaltungen durchgeführt wie in München und Hamburg zusammen (1.371 zu 558 und 224).

Das verstärkte Ansammeln von Veranstaltungen in Berlin liegt zum großen Teil an der Zunahme an Verbänden insgesamt sowie deren Bevorzugung der Hauptstadt – seit der Wiedervereinigung 1990 – für ihren Sitz. Nach den offiziellen Daten der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement e. V. (DGVM) und des Deutschen Verbände Forum (verbaende.com) gibt es in Deutschland heute um die 15.000 Verbände. Dazu zählen auch Kammern, Innungen und andere Körperschaften des öffentlichen Rechts. Rund 8.500 Verbände verfügen über eine hauptamtlich geführte Geschäftsstelle. Ende 2011 hatten etwa 1.500 Verbände ihren Erst- oder einen Nebensitz in der Hauptstadt. Vor zehn Jahren waren es erst um die 10.000 Verbände insgesamt gewesen. Somit hat sich die Zahl seit 1992 um 50 % gesteigert. Die Hälfte der Verbände kommt aus dem Handlungsfeld Arbeit und Wirtschaft. Die zweitgrößte Gruppe mit 20 % ist das Feld Gesundheit und Soziales. Jeweils um die 10 % kommen aus den Bereichen Bildung und Wissenschaft und Freizeit und Kultur.

In Berlin haben Kongresse eine lange Tradition. Seit 1822 ist die Messe Berlin im internationalen Messe- und Kongresswesen aktiv. Aber gerade nach der Wiedervereinigung erlebte die Stadt einen rasanten Aufstieg. Dank seiner Universitäten ist Berlin ein Wissenschafts- und Forschungszentrum und das vor allem im medizinischen Bereich. Die Charité zählt zu den größten Universitätskliniken Europas. „Hier forschen, heilen und lehren Ärzte und Wissenschaftler auf internationalem Spitzenniveau. Über die Hälfte der deutschen Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie stammen aus der Charité. Das ist ein wichtiger Grund für die hohe Anzahl an Tagungen der medizinischen Verbände in der Stadt“, erklärt die Messe Berlin. „Die für Kongresse so wichtige Infrastruktur ist reichlich, qualitativ hochwertig und sehr preiswert vorhanden. Keine europäische Metropole verfügt über eine so hohe Dichte an günstigen Zimmern im 3-, 4- und 5-Sterne-Bereich. Der ÖPNV verbindet Flughäfen, Hotels, die kongressrelevanten Locations und kulturellen Highlights ausgezeichnet miteinander.“

Die kulturelle Vielfalt sei ebenfalls ein gewichtiger Punkt für die Standortwahl. „In welcher anderen Stadt gibt es drei Opernhäuser, diverse Sinfonieorchester und derart viele Museen von Weltruf? Auch die alternative Szene entfaltet bei unserer Klientel seine Anziehungskraft. Das berühmt berüchtigte Berliner Nacht- und Kulturleben begeistert nach Kongressschluss immer wieder die Teilnehmer.“

Das ICC Berlin ist eines der größten und spektakulärsten Kongressgebäude Europas, und das dort seit 35 Jahren agierende Sales- und Projektmanagement erfüllt die stetig wachsenden Wünsche und Bedürfnisse der nationalen und internationalen Kunden zu deren vollster Zufriedenheit (ausgezeichnet mit dem IAPCO Award 2010).

Aufgrund der kontinuierlich steigenden Nachfrage an Tagungskapazitäten und des Modernisierungs- bzw. Sanierungsbedarfs des ICC Berlin hat die Messe Berlin 2012 mit den Bauarbeiten des CityCube Berlin begonnen. Diese multifunktionale Kongress- und Eventlocation soll die Spitzenposition Berlins festigen und darüber hinaus weiter ausbauen. Obwohl noch im Bau befindlich, ist das Eröffnungsjahr 2014 nahezu ausgebucht, und im Folgejahr 2015 sind nur noch wenige freie Slots vorhanden.

München, der zweitgrößte Standort für Verbändetagungen, verfügt mit dem ICM – Internationales Congress Center München seit 15 Jahren über ein Kongresszentrum, das den Anforderungen internationaler Großkongresse gerecht wird. Die Sitzplatzkapazität reicht für über 6.000 Personen und es stehen 8.000 m² eigene Ausstellungsfläche bereit, baulich direkt an das Messegelände angeschlossen. So konnten binnen weniger Jahre drei der fünf größten europäischen Medizinkongresse gewonnen werden. Heute zählt das ICM zu den Toplocations in Europa für internationale Verbändetagungen.

„Für das ICM ist die enge Zusammenarbeit mit Verbänden von zentraler Bedeutung: Nationale wie internationale Verbände bzw. Associations und deren Veranstaltungen bilden seit der Eröffnung eine der wichtigsten Kundengruppen. Industrieverbände, große wissenschaftliche und medizinische Gesellschaften kommen gerne ins ICM und nach München. Der meist langfristige Planungshorizont von Verbändetagungen und Kongressen bedeutet für uns als Kongresszentrum hohe Auslastung und Planungssicherheit“, heißt es aus München. „Anders als vor 15 Jahren entscheiden sich die Veranstalter heute nicht nur für ein Kongresszentrum bzw. eine Location, sondern für eine Destination. München punktet in Wettbewerben durch attraktive und kreative Packages wie etwa das City-Marketing. Dabei ziehen alle Akteure der Münchner Kongressindustrie an einem Strang, wenn es um die Bewerbungen für Verbändetagungen oder Kongresse geht.“

Auch Hamburg ist für Großveranstaltungen seit vielen Jahren gerüstet. „Das CCH Hamburg begeht in diesem Jahr sein 40. Betriebsjubiläum. Nachdem das CCH am 13. April 1973 als erstes und größtes sogenanntes purpose-built Congress Center in Deutschland seine Türen (zur Welt) öffnete, war es nur folgerichtig, ein Jahr später der ICCA als Mitglied beizutreten“, sagt Edgar Hirt, Unternehmensbereichsleiter CCH der Hamburg Messe und Congress GmbH. „Diese Mitgliedschaft seit nunmehr 39 Jahren hatte sicherlich einen erheblichen Anteil zur Erfolgsgeschichte des CCH beigetragen: Über 130 Weltkongresse hatten in den vergangenen 40 Jahren Hamburg und das CCH als Austragungsort auserwählt. Deshalb ist sich das CCH ziemlich sicher, mit am Aufbau der nunmehr 50-jährigen ICCA-Database mitgearbeitet zu haben. Die Mitgliedschaft des CCH in der ICCA alleine war natürlich nicht der Garant für den Erfolg. Mitgliedschaften in unseren Interessensverbänden müssen kontinuierlich gelebt werden und das geht nur mit dem persönlichen, engagierten Einsatz der Verantwortlichen über viele Jahre. Das sind dann die berühmten Netzwerke, über die immer so viel geredet wird.“

Natürlich gibt es in Deutschland noch weit mehr Standorte als die Top drei. Hervorragend entwickelt hat sich zum Beispiel das ICS in Stuttgart. Vor 50 Jahren gab es gerade einmal sechs Veranstaltungen in der Stadt, 2011 waren es schon 104. ICS-Chef Stefan Lohnert erklärt: „Fakt für den Standort Stuttgart ist, dass wir bis zur Eröffnung des ICS im Jahre 2007 am Standort Stuttgart zwar hin und wieder Verbandskongresse begrüßen durften, jedoch aufgrund der räumlichen Kapazitäten beschränkt waren. Im Jahr 2006 übernahm ich von Claus Bühnert die Leitung des ICS und damit auch den Verkauf. Hier gab es natürlich schon zahlreiche Bewerbungen wie auch Interessensbekundungen der Verbände, doch war spürbar (und hörbar), dass man uns – und damit war auch der gesamte Standort Stuttgart gemeint – die Expertise der Performance in noch nicht allen Parametern zutraute. 2006 konnten wir damals einen Kunden mit großem Auftragsvolumen gewinnen und pirschten uns fortan Schritt für Schritt in diesen Markt. 2012 blickten wir auf sechs große alleinstehende Verbandskongresse im ICS, womit wir vor dem Hintergrund des erfreulich dichten Terminkalenders der Messe Stuttgart das Maximum rausgeholt haben.“

Blickt man ein halbes Jahrhundert zurück, stellt man fest, dass so manches gleich geblieben ist, anderes sich aber auch stark entwickelt hat im Tagungsbereich. So schildert Th. Henrichs von der Deutschen Philips in Hamburg in einem Journal der Union of International Associations (UIA) von 1959: „Noch vor 50 Jahren (also Anfang des 20. Jh., Anm. d. Red.) war es ausserordentlich schwierig und zeitraubend, derartige Zusammenkünfte durchzuführen, da die technischen Voraussetzungen für eine schnelle Uebersetzung der Referate und Diskussionsreden nicht gegeben war. Seit mehr als 20 Jahren hat Philips die Technik der Elektroakustik in den Dienst der Völkerverständigung gestellt; mit Hilfe von Mikrophonen und Verstärkern ist es möglich, das gesprochene Wort unmittelbar und gleichzeitig in verschiedene Fremdsprachen zu übersetzen und den Teilnehmern in der Landessprache hörbar zu machen.“

Verkehrsdirektor K. F. Schweig, Generalsekretär des Kongresses der Kongressorganisatoren und -techniker von internationalen Kongressen, erklärt in derselben Ausgabe: „Dass internationale Kongresse nur aus wissenschaftlichen Zusammenkünften bestehen müssen, wird wohl von niemandem behauptet. Wie oft gibt doch der gesellschaftliche Rahmen dem Kongress erst die richtige Stimmung, ohne die eine ungezwungene persönliche Fühlungnahme oder ein freundschaftlicher Gedanken- und Meinungsaustausch überhaupt nicht vorstellbar ist. Wenn nach anstrengenden Beratungen, nach Referaten, Diskussionen und Demonstrationen sich die Teilnehmer in einem festlich geschmückten Raum oder in einer historischen Stätte zum frohen Feste vereinigen, dann sind es vornehmlich doch immer die Gäste aus dem Ausland, die der Tafelrunde den besonderen Glanz verleihen. Wer etwas anderes bei solcher konventionellen Höflichkeit, die seit vielen Jahren allen Kongressen und Konferenzen gegenüber zur feststehenden Regel geworden ist, empfindet, der wird den Sinn und Zweck der internationalen Begegnungen nie ganz begreifen. (...) Eine Überladung der Kongresse mit gesellschaftlichen Veranstaltungen, Besichtigungen und Rundfahrten sollen die Organisatoren doch möglichst vermeiden, weil sie den eigentlichen Zweck hemmen und den Erfolg des Kongresses in Frage stellen. So gesehen gehört die Rahmenprogrammgestaltung zu den wichtigsten Aufgaben der Kongressorgani

satoren.“ Dr. Hans-Joachim Mürau, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement e. V. (DGVM), Bonn, blickt auf über 30 Jahre Erfahrung in der Verbandsarbeit, u. a. als Hauptgeschäftsführer mehrerer Bundesverbände der Ernährungsindustrie, zurück. Nach seiner Beobachtung hatten Verbändetagungen früher eine stärker gesellschaftliche Aufgabe als heute. Es nahmen mehr Mitarbeiter einer Firma teil und brachten auch noch ihre Familien mit. So etwas gebe es kaum noch. Eine zweite große Veränderung: „Man hatte mehr Zeit. Drei-Tages-Treffen waren die Regel. Man nahm sich die Zeit, sich untereinander kennenzulernen, nicht nur zu ‚netzwerken’, wie man heute sagt. Das ist etwas ganz anderes. Es ging um Solidarität und Vertrauen, das braucht Zeit. Und Verbände waren die Einzigen, die so etwas organisieren konnten. Das Kosten-Nutzen-Denken der Teilnehmer war auch nicht so stark ausgeprägt.“
Doch er sieht Licht am Horizont: „Es gibt wieder das Bedürfnis nach persönlicher Nähe. Videokonferenzen und Social-Web-Foren reichen einfach nicht aus. Auch fällt die Wahl wieder öfter auf kleinere Orte jenseits der Großstädte. Viele Verbände feiern jetzt ihr 50. oder 60. Jubiläum. Da besinnt man sich auf seine Wurzeln und lädt an den Ursprungsort ein. Das ist viel reizvoller als eine Zusammenkunft in einem anonymen großen Gebäude.“
Auch bei den Konzepten sieht er Verbesserungspotenzial: „Es konzentriert sich zu stark auf das Informationsangebot. Da schwirrt einem nach zwei Tagen der Kopf. Dabei wäre es viel wichtiger, mehr Zeit für Gespräche zu haben und um einander in die Augen zu sehen.“ Anja Wagner (tw)