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Mär
31

AIPC-Kolumne

„Eine Periode großen Umbruchs“

Congress Center Nürnberg

AIPC-Präsident Edgar Hirt

Edgar Hirt, Präsident der AIPC, über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, den Schwerpunkt der Verbandsaktivitäten und das aktuelle Klima für internationale Tagungen und Kongresse.

TW:
Wo sehen Sie zurzeit die Prioritäten bei den Aktivitätender AIPC?

Hirt: Ich bin der Meinung, dass unsere Prioritäten mehr denn je zuvor durch das globale Umfeld bestimmt sind, in dem wir arbeiten müssen. Wir erleben gerade eine Periode großen Umbruchs in unserer Branche, viele Veränderungen finden statt, nicht nur wegen der aktuellen konjunkturellen Bedingungen, sondern auch auf Grund von fundamentalen Verschiebungen, die sogar durch die weltwirtschaftliche Rezession an Dynamik gewinnen. Folglich wird sich unsere Branche nach Überwindung dieser Rezession leicht verändert darstellen. Einfach zum „Normalzustand“ zurückkehren, geht nicht.

TW: Wo liegen also im Augenblick die großen Herausforderungen?

Hirt: Die Forderungen, die wir uns stellen müssen, entstehen ebenfalls aus den Umständen heraus. Ich will sicherstellen, dass die AIPC alles in ihrer Macht Stehende unternimmt, um die Verbandsmitglieder während der Rezession zu unterstützen aber auch, um die notwendigen Programme und Aktivitäten zu entwickeln, die es ihnen ermöglichen, von dem dann einsetzenden Aufschwung in vollem Umfang zu profitieren. Dazu müssen wir über die unmittelbaren Herausforderungen hinausschauen – was nicht immer einfach ist, wenn man täglich mit ihnen konfrontiert ist – um uns vorausschauend auf das vorzubereiten, was uns wohl im nächsten Jahr und auch in dem Jahr darauf erwartet. Meiner Meinung nach ist das der einzige Weg, um unsere Mitglieder richtig zu begleiten.

TW: Wie wirkt sich die Krise auf die internationalen Kongresszentren aus?

Hirt: Die Auswirkungen sind je nach der betroffenen Region und Branche sehr unterschiedlich. In den meisten Gebieten wurde etwa das Firmengeschäft weitaus stärker als der Verbandssektor getroffen – mit dem Ergebnis, dass Center, die sehr stark vom Firmenbereich abhängen, am meisten zu leiden haben. Ebenso bestehen regionale Unterschiede, wie es etwa beim „Image-Aspekt“ der Fall ist. In den USA hat gerade dieser Gesichtspunkt einen unverhältnismäßig großen Einfluss gehabt. Letztendlich sind die Center am besten gefahren, die über eine wohl diversifizierte Geschäftsbasis verfügen, da es ihnen dadurch gelungen ist, ihre geschäftlichen Schwerpunkte von einem Bereich zum anderen zu verschieben. Dennoch gibt es nur sehr wenige Betriebe, die von deutlichen Einbußen in Bereichen wie etwa Umsatz und Besucherzahlen – wenn nicht gerade von Veranstaltungsabsagen – verschont geblieben sind.

TW:
Wie beurteilen Sie das aktuelle internationale Tagungs-und Kongressumfeld?

Hirt: Viele unserer Mitgliedseinrichtungen haben deutliche Auswirkungen sowohl auf ihre Firmenmeetings als auch auf diejenigen Fach- und Verbrauchermessen gespürt, bei denen ein Großteil der Teilnehmer aus dem Firmenbereich oder aber aus der breiten Öffentlichkeit stammen. Die meisten Verbandstreffen sind in dem Sinne stabil geblieben, dass sie noch in den Auftragsbüchern stehen. Dennoch könnte es auch hier noch zu Stornierungen kommen, da es bei einigen Veranstaltungen noch Jahre hin bis zur eigentlichen Durchführung dauert. Bei allen Veranstaltungen lautet die große Frage: Wie werden die Besucherzahlen dann aussehen, wenn die Tagung oder Ausstellung endlich stattfindet? Nun, das hängt natürlich von der dann vorherrschenden konjunkturellen Lage ab. Wir meinen, es gibt mehr gute Beweggründe denn je, gerade dann internationale Tagungen zu veranstalten, wenn sich die Weltwirtschaft in einer Rezession befindet. Meetings stoßen neue Forschungstätigkeit und Produktentwicklungen an, was die Wirtschaft wiederum belebt. Gleichzeitig fördern sie die Bildung von Netzwerken sowie den Erfahrungs- und Gedankenaustausch, was den protektionistischen Tendenzen entgegenwirkt, die so häufig mit rezessiven Wirtschaftsphasen wie der gegenwärtigen einhergehen.

TW: Was unternimmt die AIPC, um der aktuellen Wirtschaftskrise entgegenzutreten?

Hirt: Wir haben eine Reihe von Maßnahmen ergriffen. Erstens ziehen wir den größtmöglichen Nutzen aus unseren Kongressen, Seminaren und Branchentreffs, indem wir externe Experten zu Rate ziehen, die helfen können, die aktuell drängenden Fragen zu klären und Lösungen anzubieten. Gleichzeitig untersuchen wir laufend die Auswirkungen der gegenwärtigen Lage und die von unseren Mitgliedern unternommenen Schritte zur Krisenbewältigung. Darüber hinaus haben wir den Schwerpunkt unserer Programme verschoben, um neue und bessere Gelegenheiten zum Erfahrungs- undI deenaustausch unter den Mitgliedern selbst zu ermöglichen. Denn da kommen meistens die besten Ideen her. Wir haben auch unsere Zusammenarbeit mit anderen Branchenorganisationen verstärkt, um sicherzustellen, dass wir alle möglichst effektiv auf den Gebieten arbeiten, die für uns von gemeinsamem Interesse sind. Schließlich warten wir mit sämtlichen eventuellen Veränderungen ab, die mit der Teilnahme unserer Mitglieder an Schulungs-, Vernetzungs- und Bildungsprogrammen zusammenhängen, da uns bewusst ist, dass bei vielen Centern die Budget sknapper als früher sind.

TW: Welches Betriebsmodell halten Sie für das beste, um ein Tagungscenter zu führen?

Hirt: Kommunale und öffentlich betriebene Einrichtungen bleiben noch das weitaus häufigste Modell, das bei über 70% aller Zentren weltweit praktiziert wird. Das jeweils am besten geeignete Modell für ein bestimmtes Center oder eine bestimmte Destination wird jedoch immer aus vielen verschiedenen Faktoren bestehen, darunter die zur Verfügung stehenden Fachkräfte zur Führung eines Centers sowie die Finanzierung. Die einzige universalgültige Tatsache lautet: Gut geführte Einrichtungen mit einer ausgeprägten Serviceorientierung und ausgezeichneten Leistungen werden am erfolgreichsten sein, und diese Kombination lässt sich bei jedem Managementmodell entwickeln.

TW: Sehen Sie ein Überangebot an Kongresszentren?

Hirt: Diese Frage kann nur vom Markt beantwortet werden, und das wird auch längerfristig geschehen, indem nicht wettbewerbsfähige Center einfach verschwinden. In der Zwischenzeit kann es jedoch zu echten Problemen kommen – zum Beispiel, wenn ein nicht wettbewerbsfähiger Betrieb sich auf Verdrängungsmarketing besinnt, indem er massiv Preisnachlässe anbietet und Umsatz „kauft“, um zu überleben. In der langen Frist schadet das alle im jeweiligen Markt tätigen Firmen. Wir plädieren weiterhin dafür, dass Center nur dort errichtet werden, wo starke und nachweisbare Gründe dafür bestehen und alle anderen für das Tagungsgeschäft erforderlichen Faktoren – so zum Beispiel ausreichende Flugverbindungen und ein gutes Hotelangebot – gegeben sind. Es zahlt sich viel eher aus, wenn man die richtige Standortentscheidung von vornherein trifft, anstatt die notwendige Infrastruktur erst dann zu entwickeln, wenn ein Center fertig ist und sich anschickt, den Markt zu betreten.

TW: Die Nachhaltigkeit ist ein topaktuelles Thema. Wie wichtig halten Sie die Nachhaltigkei tfür Ihre Branche?

Hirt: Häufig wird diesem Bereich ein viel geringerer Stellenwert zugewiesen dann, wenn die geschäftlichen Sorgen am dringendsten sind. Aus verschiedenen Gründen ist das jedoch bei Tagungszentren nicht der Fall. Erstens können nachhaltige Praktiken sogar kostengünstig sein, insbesondere wenn die Baukosten eine wesentliche Rolle spielen. Zweitens sehen viele Einrichtungen einen Marktvorteil darin, nachhaltige Praktiken vorweisen zu können. Umso umkämpfter der Markt, desto wichtiger wird dieser Aspekt. Schließlich haben sehr viele verschiedene Gruppen ein Interesse an Tagungszentren – darunter die örtliche Community sowie etwaige kommunale Eigner – und diese wollen auch wirksame Umweltpraktiken vorfinden. Deshalb zeigen unser Studien, dass über 90% aller Zentren bedeutende Nachhaltigkeitsprogramme und -politiken entwickelt haben, und das Interesse daran bleibt auch weiterhingroß.

Edgar Hirt ist Präsident der International Association of Congress Centres (AIPC)und Geschäftsführer des CCH-Congress Center Hamburg
Weitere Informationen sind unter marianne.de.raay(at)aipc.org bzw.www.aipc.org erhältlich.