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Mär
31

ICCA Hyderabad

Größte Demokratie der Welt

Hyderabad: „Das erste Großevent der International Congress and Convention Association, dass in Indien stattfindet.“

Philip Logan: „Rasantes Branchenwachstum durch professionellere Kongressorganisatoren, bessere Flugverbindungen und die große Nachfrage.“

Es war kein Rekordjahr. Nur 722 Delegierte reisten zum ICCA-Kongress nach Hyderabadan. Dabei war Ort für die General Assembly gut gewählt. Denn wirtschaftlich und politisch steht der Subkontinent zwar immer noch im Schatten des weltweiten China-Hypes. Aber Indiens Wirtschaft wächst so rapide wie seine Bedeutung in der Weltpolitik.

Hyderabad stehe „nicht nur für das erste Großevent der International Congress and Convention Association, dass in Indien stattfindet,“ sagte der scheidende ICCA-Präsident Leigh Harry zu Beginn der Veranstaltung, sondern in der IT-Boomtown finde gleichzeitig „auch das erste internationale Verbandsmeeting der Meetingsindustrie überhaupt statt“. Die Premiere mache Sinn, ist auch Philip Logan, Chairman des Local Host Committee, überzeugt. „Mehr und professionellere Kongressorganisatoren, bessere Flugverbindungen und die große Nachfrage“, führten dazu, dass die Branche sich rasant entwickle und wachse.

Sicher ist, Indien zählt wie China zu den Gewinnern der Weltwirtschaftskrise. Zwischen Juli und September legte Indiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 7,9 Prozent zu. Der Wert des indischen Börsenleitindexes hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Und Indien ist erst in der Frühphase des Wirtschaftsaufschwungs – so wie China vor zehn Jahren.

Architekt dieses Aufschwungs ist Ministerpräsident Manmohan Singh. Als Indien 1992 kurz vor dem Staatsbankrott stand, hat er als Finanzminister das Land zur Welt geöffnet – und so die Wende herbeigeführt. Das ser im Mai letzten Jahres nach seiner ersten Amtszeit, die 2004 begann, als Regierungschef wiedergewählt wurde, hat es in der indischen Geschichte seit Jawaharlal Nehru nicht mehr gegeben. Der Subkontinent ist im Aufbruch, obwohl auch Indien von der Weltwirtschaftskrise nicht verschont wurde. Aber Konjunkturprogramme, Liquiditätshilfen für die Banken und nicht zuletzt die Wiederwahl tragen zu einer allgemein optimistischen Zukunftserwartung bei. Am ersten Handelstag nach Veröffentlichung des Wahlergebnisses schoss der Sensexum rund 20 Prozent in die Höhe.

Indiens Industriegigant, Reliance Industries, ist dabei, die weltweite Nummer eins unter den Kunststoffherstellern, Lyondell-Basel Industries AF, für mehr als 12 Milliarden Euro zu übernehmen, indische Pharmakonzerne kaufen US-Firmen und indische Mittelständler gehen weltweit auf Einkaufstour. „Wir sind kein exportorientiertes Land, sondern leben von einer riesigen Inlandsnachfrage“, erklärt Deepak Parekh, Chef des indischen Immobilienfinanzierers HDFC. Das sehen auch deutsche Investoren so, die auf den indischen Markt setzen: Die Mehrheit will auch trotzder globalen Wirtschaftskrise ihr Geschäft in Indien ausbauen – das zeigt eine Umfrage der Deutsch-Indischen Handelskammer (AHK Indien). Von den 100 befragten Managern deutscher Firmen in Indien wollen 61 Prozent ihr Engagement dieses und nächstes Jahr verstärken, 29 Prozent planen ähnlich hohe Investitionen wie in den letzten Jahren.

350 Euro betrug das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen Indiens 2007. Heute verdient ein Inder im Schnitt 600 Euro, schon 71 Prozent mehr als vor drei Jahren. Das ist im westlichen Vergleich natürlich immer noch wenig. Aber dafür ist die Kaufbereitschaft der Menschen relativ hoch. Und sie wird weiter zunehmen. Nach Prognosen der Reserve Bank of India wird die Konsumfreude bis 2015 um durchschnittlich 13 Prozent im Jahr steigen. Die höheren Löhne und die Konsumlust spiegeln sich am deutlichsten bei den Autoverkäufen wider. 1983 wurden in Indien etwa 40.000 Fahrzeuge verkauft, dieses Jahr werden es 2,6 Millionen sein. Zum Vergleich: Für Deutschland rechnen Experten 2010 mit drei Millionen Autos. Spätestens 2012 wird Indien an Deutschland vorbeiziehen – und langfristig vorn bleiben. Denn das Billigmodell Nano des indischen Autoproduzenten Tata Motors kostet rund 1.700 Euro. Und das können sich immer mehr Menschen leisten: Derzeit verfügen ungefähr 300 Millionen Inder über ein Jahreseinkommen von über 3.000 Euro. Sie müssten also etwas mehr als die Hälfte ihres Jahresgehalts in das erste Auto stecken, was vergleichbar ist mit einem deutschen Facharbeiter, der sich einen VW Golf kauft. Von mehr als 200.000 Bestellungen konnten erst 50.000 Autos ausgeliefert werden. Um die Wartezeit zu verkürzen, hat Tata die Kapazität im Stammwerk in Gujarat hochgefahren und eine andere Fabrik auf die Produktion des Nano umgerüstet. Bezogen auf die Bevölkerung, ist der Subkontinent noch immer ein Auto-Entwicklungsland. Jeweils 100 Einwohner besitzen zusammen nur ein Fahrzeug. In Deutschland liegt der Pkw-Bestand bei 42 Millionen – oder 51 Autos pro 100 Einwohner. Vor allem im Pkw-Geschäft herrscht in Indien eine Stimmung vergleichbar mit der deutschen nach dem Mauerfall in der DDR. Derzeit rollen mehr als elf Millionen Fahrzeuge durch das Land, in wenigen Jahren dürften es doppelt oder dreimal so viele sein. Je nachdem, wie stark die Infrastruktur verbessert werden kann. Die erforderlichen zusätzlichen Ausgaben werden von Ministerpräsident Manmohan Singh in den kommenden fünf Jahren auf eine Billion US-Dollar geschätzt. Geld, das Indien nicht hat. Und so kommt auch das Straßenbauprogramm nicht recht voran: Seit März wurden täglich 13 Kilometer Straßen gebaut. Im Plan stehen 20 Kilometer. 45 Prozent aller Siedlungen haben bislang keinen Anschluss ans Straßennetz, 50 Prozent der Schienen und 5.000 Eisenbahnbrücken stammen noch aus der Kolonialzeit des 19. Jahrhunderts. Ministerpräsident Singh will deshalb in den nächsten drei Jahren 70 Milliarden US-Dollar in Straßen investieren. Neben der mangelhaften Infrastruktur und einer überbordenden staatlichen Bürokratie mit entsprechender Korruption ist die Armut nach wie vor Indiens größtes Problem. Bei einer Gesamtbevölkerung von 1,2 Milliarden Einwohnern, gibt es 300 Millionen Analphabeten und 480 Millionen Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar pro Tag ihr Dasein fristen.

Gemessen an der Größe der Volkswirtschaft, liegt das Land derzeit weltweit auf Platz elf hinter Frankreich, Italien oder Deutschland. Bis 2030 wird Indien nach Prognosen von Goldman Sachs auf Platz drei klettern. Größer sind dann nur noch China und die USA.

Zwei von fünf Menschen auf diesem Planeten sind entweder Chinese oder Inder. Und China hat die entscheidende Systemfrage noch nicht gelöst: Wie will die chinesische KP dauerhaft begründen, dass sie der Bevölkerung – wie auch der wachsenden Zahl von chinesischen Multimillionären – dieBeteiligung an der politischen Willensbildung verweigern will? Bisher halten rigide Unterdrückung von abweichender Meinung und die boomende Wirtschaft in China die Bevölkerung ruhig. Aber irgendwann wird auch das Wirtschaftswachstum China seine Grenzen erreichen. Was dann passiert ist völlig unklar.

Indien als größte Demokratieder Welt hat dagegen die Systemfrage schon prinzipiell beantwortet. Nicht überall perfekt, manchmal weniger effizient, die Strukturreformen dauern länger, aber seine politische Regierung ist demokratisch legitimiert und damit stabiler. Englisch ist Geschäftssprache. Und: Das Land ist jung. 54 Prozent der Indersind jünger als 25 Jahre,während China alt wird, bevores reich wird.

Und auf einem Feld ist Indien auch jetzt schon längst Weltmacht: Bollywood erobert den Westen, „Slumdog Millionär“ räumte in Hollywood acht Oscars ab. Der Schauspieler Sharukh Khan ist ein weltweit gefeierter Star – und Muslim wieviele von Bollywoods Filmstars. In der westlichen Kultur gilt schon seit längerer Zeit: „India is in“.

DM