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Mär
31

AIPC-Meinung:

Nachhaltigkeit relativieren

Rod Cameron, Director of Programming and International Development bei der AIPC

Wie das altbekannte Pendelbeispiel zeigt, neigen strittige Themen dazu, ins Übertriebene auszuschlagen, ehe sie zu einem Punkt zurückfinden, der als logisches Gleichgewicht zwischen dem Idealistischen und dem Realistischen gelten kann.

Seit einigen Jahren befindet sich die „grüne“ Bewegung in genau so einem Aufwärtstrend, denn obwohl die meisten Menschen ihre Erwartungen an das Umweltbewusstsein mittlerweile auf ein vernünftiges Maß zurückgeschraubt haben, wird es immer solche geben, die aus den unterschiedlichsten Motiven heraus das grüne Agenda so weit wie nur möglicht reiben wollen.

Seltsamerweise befassen sich viele Akteure im Meetingbereich viel intensiver mit der „grünen“ Frage, als dass sie den Wert von Meetings an sich herauszustellen suchen – was ziemlich ironisch anmutet angesichts der Tatsache, dass diese Vorgehensweise doch drastische Auswirkunge nauf unsere kollektive Zukunft haben dürfte.

Bei vielen unserer Kollegen grenzt die Unterstützung der grünen Agenda beinahe an Besessenheit. Das geht sogar so weit, dass sich jetzt eine breite Kluft auftut zwischen dem vorhandenen Angebot an Einrichtungen und Programmen und dem Bedarf der meisten Kundengruppen (bzw. dem Preis, den sie für diese Leistungen zu zahlen bereit sind, was die Aufrichtigkeit ihres grünen Engagements noch deutlicher unterstreicht). In gewisser Hinsicht ist das auch gut so, zeigt es doch, dass wir im Hinblick auf ein von der Öffentlichkeit mit großer Sorge betrachteten Thema dabei sind, unser eigenes Haus in Ordnung bringen.

In vielen Fällen geschieht das jedoch auf Kosten unserer eigenen Werbung für persönliche Begegnungen als weiterhin wichtige Triebkraft der wirtschaftlichen, beruflichen und kulturellen Entwicklung weltweit. Dieser Faktor muss aber gegen die unvermeidlichen Auswirkungen der damit verbunden Reisen zu solchen Meetings aufgewogen werden.

So „grün“ wir unsere Veranstaltungen und Einrichtungen auch gestalten mögen, der Reisefaktor bleibt. Vielleicht sollten wir also endlich der Tatsache ins Gesicht schauen, dass die einzigen Meetings mit gar keinen Umwelteinflüssen diejenigen sind, die garnicht stattfinden – nicht gerade eine tolle Strategie zum Ausbau unseres Geschäfts –und uns dafür ein wenig mehr auf eine ausgewogene Debatte darüber konzentrieren sollten, warum eine gewisse Umweltwirkung angesichts der durch Meetings erzielten Ergebnisse und der tagungsbedingt erreichten Fortschritte für die internationale Gemeinschaft doch nur einen verschwindend geringen Preis bedeutet.

Das bedeutet jedoch keinesfalls eine Abkehr vom Nachhaltigkeitsprinzip, was heutes owieso mehr oder weniger fest in unsere Programme integriert ist und auch in absehbarer Zeit ein Schlüsselelement bleiben wird. Wenn es darum geht, die Frage der Umweltverträglichkeit auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren, dann sind wir doch die Richtigen, um für diesen Gedanken zu werben.

Es gibt noch viele Leute, die eine grüne Agenda (teils aus Eigeninteresse) aktiv unterstützen, daran wird sich auch nichts ändern. Vielleicht sollten wir also ein wenig mehr Zeit damit verbringen, für unsere eigenen Zwecke zu werben?

Tatsache ist, dass es eine Vielzahl von Gründen gibt, warum Kongresse und insbesondere Kongresszentren immer höheren Umweltstandards verpflichtet sein werden. Diese sind nur zum Teil vom Markt getrieben. Die überwiegende Mehrheit der Konferenzzentren sind kommunale Einrichtungen und daher für die Wünsche ihrer jeweiligen Community sensibilisiert. Sie werden wohl mit zu den ersten gehören, die ungeachtet der Markterfordernisse umweltverträgliche Maßnahmen ergreifen. Als Beweis ihrer Umweltqualitäten übernehmen sie auch zunehmend Standards in Form von Bauvorschriften, Gemeinschaftsnormen oder einer Vielzahl neuer formaler Zertifizierungen.

Von daher müssen sogar die Umweltbewussten unter uns nicht befürchten, dass unsere Branche in nächster Zeit in Sachen Nachhaltigkeit rückfällig wird. Dafür sind wir, sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich, bereits viel zuweit gegangen – und werden unvermeidlich weitere Fortschritte in den kommenden Jahren erzielen. Eher sollten wir uns darüber Sorgen machen, dass unsere Branche die Leid tragende sein wird, wenn sich grüne Argumente mancherorts ins Unermessliche steigern. Und in der Tat wächst bereits die Liste der mächtigen Organisationen, die erhebliche, klar definierte Einschnitte im Geschäftsreiseverkehr und bei der Teilnahme an Meetings fordern. Das ist Musik in den Ohren der Anbieter von technologischen Alternativen und kommt bestimmt auch sehr gut in Regierungs- und Konzernkreisen an, die nur allzugern einen Vorwand finden würden, ihre Reiseausgaben zu senken.

Faszinierend dabei ist der Umstand, dass wir diese Situation wenigstens zum Teil durch unsere eigenen Aktionen verursacht haben könnten, indem wir uns beinahe ausschließlich auf die grüne Agenda konzentriert haben, anstatt den (Mehr-)wert und die Bedeutung von den Veranstaltungen in den Vordergrund zu stellen, um die es ja letztendlich in unserer Branche geht.

Schließlich besteht kein Mangel an ziemlich guten Argumenten. Üblicherweise findet der wichtigste globale Austausch bei Tagungen und Kongressen statt. Er führt unter anderem zu medizinischen und technischen Fortschritten, zu kulturellen Bereicherungen und zum besseren Verständnis sowie zur besseren Interaktion unter den unterschiedlichen Gruppierungen weltweit. Oder glaubt jemand tatsächlich, dass die Welt dadurch besser wird, dass wir alle zu Hause bleiben und per Internet kommunizieren? Sind wir wirklich dazu bereit, noch aggressivere Umweltmaßnahmen einzufordern, die unvermeidlich dazu führen werden, dass weniger Menschen zu reisen fähig oder gar willens sind, um den Gedankenaustausch mit ihren Kollegen rund um den Globus zu pflegen?

Umweltstandards werden nicht zurückgenommen. Worum es geht ist klar, wir sind alle über das Plakat schwenken hinaus und haben ein Stadium erreicht, auf dem Verantwortung für die Umwelt und Nachhaltigkeit als selbstverständlich erwartet werden. Daher müssen wir uns vermehrt der anderen Seite des Arguments widmen: Die grüne Agenda muss nämlich durch die Erkenntnis gemäßigt werden, dass das Leben nicht einfach stehen bleiben kann, weil dieser Weg der „nachhaltigste“ sei. Wir müssen akzeptieren, dass intelligente Kompromisse gemacht werden müssen, wenn wir persönliche Begegnungen in den Dienst des gesellschaftlichen Fortschritts weiterhin stellen wollen.

Denn sollte unsere Industrie dieses Argument nicht vortragen, ist es nur sehr schwer vorstellbar, wer es sonst tun wird.

Von Rod Cameron, Director of Programming and International Development bei der AIPC
Weitere Informationen von marianne.de.raay@aipc.org bzw. unter www.aipc.org