#persönlich im Mai: „Mich beschäftigt, was Kr...
#persönlich im Mai

„Mich beschäftigt, was Krieg und Flucht für die Bildung bedeuten“

Foto: Sdui
Das Management Board von der Schulplattform Sdui, vorne im Bild Gründer und CEO Daniel Zacharias (24). Hinten v.l.: Simon Desiere, Daniela Bojahr, Philip Heimes, Lukas Lehmann, Carsten Schaefer.
Das Management Board von der Schulplattform Sdui, vorne im Bild Gründer und CEO Daniel Zacharias (24). Hinten v.l.: Simon Desiere, Daniela Bojahr, Philip Heimes, Lukas Lehmann, Carsten Schaefer.

Daniel Zacharias (24), Gründer und CEO der Schulplattform Sdui, über Teilhabe durch Technologie, eine Idee auf dem Schulhof, seinen Hypergrowth-Modus und ein hybrides Event, um Bildung neu zu denken.

tw tagungswirtschaft: Wie geht es Ihnen?
Daniel Zacharias: Gut – busy und motiviert. Ich bin aktuell sehr viel in Deutschland und Europa unterwegs. Die Termine im Kalender sind eng getaktet, aber so ist es mir eigentlich auch liebsten.

Welche Nachricht oder Neuigkeit beschäftigt Sie aktuell?
Natürlich der Krieg in der Ukraine, der Auswirkungen auf das Leben aller in Europa hat. Das Schicksal der Menschen im Kriegsgebiet und auf der Flucht macht mich betroffen. Gleichzeitig habe ich großen Respekt davor, wie viele in dieser Krisensituation ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, ihr Zuhause verteidigen oder in einem fremden Land einen Neuanfang starten. Natürlich beschäftigt mich auch, was Krieg und Flucht für die Bildung bedeuten. Die Ukraine ist beim Thema digitale Bildung sehr fortschrittlich – tatsächlich kann sich das deutsche Bildungssystem daran ein Beispiel nehmen, z.B. bei der Bereitstellung und Nutzung von Lernplattformen. Gleichzeitig sehen sich die Schulen in Deutschland aktuell vor der Herausforderung, Hunderttausende geflüchtete Kinder in den deutschen Schulalltag zu integrieren. Wir bei Sdui haben schnell gehandelt: Unsere Plattform ist komplett auf Ukrainisch verfügbar und im Schulalltag eine große Hilfe.
Wer ist Daniel Zacharias?
Daniel Zacharias (24) ist Gründer und CEO der Schulplattform Sdui. Sdui vereinfacht die Kommunikation und Organisation an Schulen und Kitas. Ziel der Plattform ist es, die Zeit für administrative Aufgaben zu reduzieren und Lernen effektiver und zugänglicher zu machen. Hierfür entwickelt Sdui DSGVO-konforme Lösungen, die Lehrkräfte, Eltern und Kinder miteinander verbinden. Mithilfe von Funktionen wie Chat, Videotelefonie, Cloud, Stundenplan und Übersetzungsfunktionen schafft die App die Infrastruktur für digitales Lernen. 2018 in Koblenz gegründet, beschäftigt die Sdui GmbH rund 150 Mitarbeitende und hat bereits mehr als 5.000 Schulen und Kitas in Europa erreicht.

Sie sind Gründer und CEO der Schulplattform Sdui. Bitte beschreiben Sie kurz Ihr Unternehmen und Ihre Vision.
Sdui ist eine digitale Plattform für Kommunikation und Organisation an Schulen und Kitas. Gestartet sind wir 2018 mit einem Messenger für Schulen. Heute bietet unsere Plattform sehr viel mehr Funktionen, die den Alltag von Bildungseinrichtungen vereinfachen, z.B. das digitale Klassenbuch oder die Übersetzungsfunktion. Wir bauen am Betriebssystem für eine digitale und moderne Bildung, d.h. wir möchten die digitale Infrastruktur für Schulen und Kitas stellen und damit deren Alltag deutlich vereinfachen. Im Bildungsalltag geht heute sehr viel Zeit drauf für Administratives. Das wollen wir ändern und Zeit für die Dinge schaffen, die wirklich zählen. Das bedeutet für mich aber nicht nur, Analoges digital darzustellen, sondern eine grundlegende Transformation von Bildung. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit Technologie jedem die Teilhabe an Bildung ermöglichen können. Um diese Vision zu erreichen, brauchen wir Wachstum – und Sdui ist aktuell eines der am schnellsten wachsenden Start-ups der deutschen EdTech-Branche. Wir sind bereits in sechs Ländern aktiv und arbeiten weiter an der Expansion in Europa.

2018 haben Sie Ihr Start-up gegründet. Das war zwei Jahre nach Ihrer Volljährigkeit und zwei Jahre vor der Pandemie. Wie kam es dazu?
Die Idee für Sdui ist auf dem Schulhof entstanden. Mein Freund und Co-Gründer Jan Micha Kroll und ich hatten es satt, erst am Vertretungsplan zu sehen, dass die erste Stunde ausfällt. Statt darüber zu meckern, haben wir gemacht: Wir haben an einer digitalen Lösung gearbeitet und dafür viel Zuspruch bekommen – z.B. beim Wettbewerb Jugend forscht. Nach dem Abi habe ich dann schnell gemerkt, dass Kaffee kochen als Praktikant nichts für mich ist. Es hat sich nach Zeitverschwendung angefühlt. Ich hatte ja schon erlebt, was wir aus eigener Kraft als Schüler schaffen können und, dass wir damit an Schulen wirklich etwas verändern. So haben Jan Micha und ich uns dazu entschlossen, Sdui zu gründen, unsere Idee weiterzuentwickeln und an Schulen zu bringen. Die Notwendigkeit für die Digitalisierung des Bildungsalltags gab es schon vor der Pandemie, aber Covid hat da Thema natürlich extrem vorangetrieben.
„Ich glaube, es ist nicht mehr zeitgemäß Präsenz/Analog und Digital getrennt voneinander zu denken oder die Begriffe einander gegenüberzustellen – egal ob für Schule oder Konferenzen. “
Daniel Zacharias, Gründer und CEO der Schulplattform Sdui

Den Menschen steckt noch die Pandemie in den Knochen, da erklärt der russische Präsident Wladimir Putin der Ukraine den Krieg. Woher nehmen Sie Ihre Kraft?
Mir gibt es Kraft zu sehen, dass Menschen trotz der Krise den Mut finden, weiterzumachen. Dass sie nicht die Hände in den Schoß legen und sich mit ihrem Schicksal abfinden, sondern nach Lösungen suchen, neue Allianzen eingehen und andere Wege einschlagen. Bei aller Ungerechtigkeit und Unsicherheit, die in der aktuellen politischen Lage so präsent wird, sehe ich auch Gestaltungswillen und -wege. Für mich persönlich wichtig sind außerdem meine Frau (ich bin seit wenigen Wochen verheiratet) und meine Familie.

Mit welcher Herausforderung kämpfen Sie gerade?
Wir sind mit Sdui auf Wachstumskurs. Wir skalieren und expandieren in andere Länder. In diesem Hypergrowth-Modus stehe ich jeden Tag vor neuen Herausforderungen. Zum Glück habe ich ein Team, dass auch jeden Tag Lösungen entwickelt. Ich liebe diese Dynamik und die Schnelligkeit. Bei der ständigen Veränderung bleibt aber kaum Zeit, auch mal zu reflektieren, welche Meilensteine wir eigentlich schon genommen haben. Für mich ist es gerade eine Herausforderung, auch mal innezuhalten, um nicht das Gefühl zu haben, dass die Ereignisse nur an mir vorbeiziehen.

Auf Ihrer Website definieren Sie „Schule“ und „Digitale Schule“. Würden Sie bitte einmal „Konferenz“ und „Digitale Konferenz“ definieren?
Ich glaube, es ist nicht mehr zeitgemäß Präsenz/Analog und Digital getrennt voneinander zu denken oder die Begriffe einander gegenüberzustellen – egal ob für Schule oder Konferenzen. Schule ist schon heute immer auch digital, ebenso wie Veranstaltungen. Alle haben ein Smartphone dabei, machen Fotos, kommunizieren über Messenger und Social Media. Die digitale Welt ist praktisch schon omnipräsent – die Frage ist doch, wie sich digitale und analoge Welt sinnvoll ergänzen.
„Schu·le Substantiv, feminin [die] 1) Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch planmäßigen Unterricht Wissen und Bildung vermittelt werden 2) Schulgebäude Di·gi·ta·le Schu·le Substantiv, feminin [die] Digitale Umgebung innerhalb einer Schulgemeinschaft, in der alle relevanten Personen mit den jeweils benötigten Werkzeugen und Informationen arbeiten können “

Wenn Sie sich einen Kongress wünschen könnten und Thema und Format frei wären, wie sähe dieser aus?
Das wäre ein hybrides Event, bei dem sich digitale Formate und Beteiligungen sinnvoll ergänzen mit Netzwerken und Austausch in Präsenz. Ich wünsche mir ein Event, das Lehrern, Schülern, Unternehmern, Politikern, Eltern und alle Menschen, die Bildung neu denken wollen, ein Forum bietet. Es sollte ein Format sein, um eine Zukunftsvision für Bildung zu entwickeln und Raum für echte Innovationen zu schaffen. Natürlich sollten die Ergebnisse dann auch von Politik und Schulverwaltungen umgesetzt werden, ohne dass dafür Jahre ins Land ziehen.

Welche Frage fehlt Ihnen?
Die Fragen bisher waren spannend und geben einen guten Blick hinter die Kulissen. Wenn ich mir eine Frage oder ein Thema aussuchen könnte, über das ich noch etwas mehr verraten dürfte, wäre das: „Wie siehst du Bildung in fünf bis zehn Jahre?“. Ich bin mir sicher, dass wir noch eine Menge vor uns haben, aber wenn ich meine Perspektive auf die nächsten zehn Jahre lege, sehe ich vor allem viel Potenzial für die nächsten Generationen.

Wessen Antworten möchten Sie hier als Nächstes lesen?
Ich bin der Überzeugung, dass man aus jeder Gründergeschichte eine Menge lernen kann. Und immer wieder fasziniert mich, wie Menschen dazu kommen, das zu machen, was sie heute machen und vor allem, wie ihr Weg sie vorbereitet. Ich würde mich freuen, die Antworten von Rubin Lind (CEO @Lernmal GmbH) hier zu lesen. Mit Abstand eine der spannendsten Stories, die ich kenne! Kerstin Wünsch

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