Travel Industry Club: "Es ist fünf nach zwölf...
Travel Industry Club

"Es ist fünf nach zwölf"

War Nachhaltigkeit vor der Pandemie für die Geschäftsreisewelt eher ein Randthema, gerät jetzt der Carbon Footprint bei vielen Unternehmen in den Fokus. Die Bemühungen, den ökologischen Fußabdruck zu verringern, verändern Geschäftsreisen. Das ist das Ergebnis des eWorkshops „Carbon Footprint“ des Travel Industry Club (TIC).

Dass ein Wandel dringend erforderlich ist, belegt Professor Dr. Felix Kempf, Dekan Tourismus & Hospitality der IST-Hochschule für Management, mit eindeutigen Zahlen. „Jeder einzelne von uns verbraucht zu viel CO 2“, betont er, und je reicher eine Gesellschaft sei, desto rapider steige der Verbrauch. Während dieser in Indien pro Person und Jahr bei durchschnittlich 1.900 Tonnen liegt und der weltweite Durchschnitt 4.900 Tonnen beträgt, verbrauchen deutsche Bürger 11.600 Tonnen. Um die Klimaziele zu erreichen, dürfen pro Kopf und Jahr nur 2,5 Tonnen CO 2 verbraucht werden. „Die Kosten für diesen Missbrauch tragen die nächsten Generationen, denn „die BWL-Denke“ sorgt dafür, dass Gewinne privatisiert und Verluste - in diesem Fall also die tatsächlichen Kosten des CO 2 -Verbrauchs - vergemeinschaftet werden. In jedem Unternehmen müssten künftig zwei Geschichten geschrieben werden“, fordert Kempf: eine zum Firmenerfolg und die zweite über den Nachhaltigkeitserfolg.
„Es ist eher fünf nach zwölf als fünf vor zwölf.“
Jan-Wolf Baake, Leiter des DB Vertriebs Geschäftskunden

Davon sind deutsche Firmen noch weit entfernt: lediglich 3 von 10 Unternehmen haben ein Nachhaltigkeits-Programm, das Corporate Travel beinhaltet. „Bis dato sind kaum Tools und Maßnahmen in den Unternehmen im Einsatz, um die Geschäftsreise klimaneutraler zu gestalten“, betont Thomas Drexler, Managing Partner der Travel Consulting Group. Mehr als ein Hoffnungsschimmer ist die Initiative VDR NxT des Verbands Deutsches Reisemanagement mit DreDrevier Stoßrichtungen. Sie empfiehlt folgendes:
 
  1. Erstens müssen Standards entwickelt werden, um den CO 2-Footprint im Corporate Travel eines Unternehmens mit Hilfe belastbarer Daten zu ermitteln.
  2. Zweitens muss das Thema nachhaltige Unternehmensmobilität nicht nur zur Chefsache avancieren, sondern auch im Bewusstsein und Wissen jedes Einzelnen im Unternehmen verankert werden.
  3. Der dritte Step ist, die heute schon verfügbaren Produkte und Lösungen besser zu nutzen: Ohne entsprechende Angebote von der Buchung bis zur Abrechnung, von der An- bis zur Abreise können Nachhaltigkeitsziele nicht erreicht werden.
  4. Letztlich muss auch die Frage geklärt werden, ob die Reiserichtlinie überhaupt noch ein geeignetes Instrument ist oder ob nicht ein Mobilitätsbudget dazu beitragen kann, Geschäftsreisen grüner werden zu lassen.
 
Drexler gibt den Rat, „sich dem Thema nicht überkomplex zu nähern“, sondern mit einfachen Ansätzen. So müsse stets die Frage geklärt werden, ob Dienstreisen überhaupt durchgeführt werden müssen. Falls doch, müssen Geschäftsreisen mit niedrigen CO 2-Emissionen gefördert werden - zum Beispiel Reisen mit der Bahn.
 
Jan-Wolf Baake, Leiter des DB Vertriebs Geschäftskunden sagt: „Es ist eher fünf nach zwölf als fünf vor zwölf“ und verweist auf die Dringlichkeit des Handlungsbedarfs. Die Deutsche Bahn verbessert in diesem Zuge ihr Angebot für Geschäftsreisende und optimiert Lounges mit Workingspaces in derzeit fünf Bahnhöfen, ein sechster Standort kommt bald hinzu, weitere sind in Planung. Neben Angeboten wie der BahnCard100 empfiehlt der Bahnexperte das DB Mobilitätsbudget Bonvoyo als „einfache, nachhaltige und flexible Lösung“ zur Reduktion der CO 2-Emissionen durch Nutzung nachhaltiger Alternativen zum Firmenwagen.
 
Neue Geschäftsmodelle für Reisemanagement-Firmen fordert Martina Eggler, Chef Marketing Officer von ATG Travel Worldwide. Künftig müsse der Fokus auf die Messbarkeit der tatsächlichen Einsparungspotenziale gelegt werden. „Das Bewusstsein der Kunden ist da“, sagt Martina Eggler mit Blick auf entsprechende Änderungen im Geschäftsreisebereich.
Über den Travel Industry Club
Der 2005 gegründete Travel Industry Club (TIC) ist der Wirtschaftsclub der Geschäfts- und Privatreiseindustrie. Mit seiner Arbeit rückt der TIC auch die wirtschaftliche Bedeutung der Reiseindustrie stärker ins Licht der Öffentlichkeit. Er bringt mit dem Young TIC den Nachwuchs mit den führenden Akteuren der Branche zusammen. Rund 550 Mitglieder profitieren von Veranstaltungen verschiedener Formate sowie von touristischer Trendforschung und haben die Möglichkeit Teil des Think Tank der Reiseindustrie zu werden. Das 9-köpfige Präsidium - bestehend aus Unternehmenslenkern, Beratern und Professoren - arbeitet ehrenamtlich im Sinne der Tourismus-Förderung.
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