"Voices"-Beitrag von Michael Graef: Eine gold...
"Voices"-Beitrag von Michael Graef

Eine goldrichtige Entscheidung inmitten der Krise

Foto: HDT

Zeit ist laut Einstein das, was man an der Uhr abliest. Manchmal sind es jedoch die Sorgenfalten, an denen sich ablesen lässt, was die Stunde geschlagen hat. Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns waren und sind für das Haus der Technik (HDT) beträchtlich. Als gemeinnützigem Verein ist es uns nicht möglich, in guten Zeiten beliebig viel „Speck“ für Krisenzeiten anzusammeln. Bei den Fördermaßnahmen hat man andererseits Einrichtungen wie die unsere schlicht vergessen. Wenig tröstlich, dass es vielen anderen ähnlich erging. Somit war die Frage, was unser Land für uns tun kann, von Anfang an nicht zielführend. Stattdessen zählte – in eigentlich unschöner Abwandlung des berühmten Kennedy-Satzes – allein die Frage, was wir für uns selbst tun können. Und das lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Digitalisierung.

Dank vorhandener Ausstattung konnten wir sofort damit beginnen, unser Programm auf Videostreaming umzustellen. Angesichts von weit über 1.000 jährlichen Präsenzangeboten kann sich jeder leicht vorstellen, dass das nicht bloß aus Kapazitätsgründen eine Herausforderung darstellte. Teilnehmende mussten erst einmal bereit sein, auf digital umzubuchen. Des Weiteren musste das Lehrpersonal umdenken, schließlich lebt Weiterbildung an sich vom intensiven Austausch von Angesicht zu Angesicht – frei von dazwischengeschalteter Technik.

Dass sich die Lage schnell wieder normalisieren würde, hat bei uns niemand angenommen. Ohne in Defätismus zu verfallen, haben wir uns mehrere Szenarien ausgemalt und uns sicherheitshalber – so gut es ging – auf den schlechtesten Verlauf vorbereitet. Dass dieser tatsächlich eingetreten ist und wir auch knapp ein Jahr nach der ersten Zwangsschließung zumindest physikalisch von unserem Publikum abgeschnitten sind, mag uns vielleicht eines Tages einen Trostpreis für hervorragende Prophetie einbringen. Viel wichtiger ist aber, dass wir bereits jetzt sagen können, dass die Entscheidung, ausgerechnet inmitten dieser schweren Krise unseren neuen digitalen Campus, genannt hdt+, aufzubauen, goldrichtig war.

Vor einigen Wochen kam als weitere Ausbaustufe unsere neue Smartphone-App hinzu, welche viele komfortable Funktionen beinhaltet, um sich während und rund um ein Event zu informieren und zu vernetzen. Alles Bausteine auf dem Weg zu einem kompletten digitalen Zwilling, der in Zukunft alle Merkmale und Services krisensicher online spiegeln soll, für die wir seit vielen Jahrzehnten bekannt sind. Zwar darf man für die nächste Zeit erwarten, dass die Bildschirmmüdigkeit in Folge der endlos langen Isolation einen regelrechten Run auf Präsenzveranstaltungen auslöst. Langfristig wird sich hingegen – ebenso wie beim Thema Homeoffice – der Markt weiter in die digitale Richtung bewegen. Zeit- und Kostenersparnis durch den geringeren Reisebedarf sind schwer zu schlagende Argumente. Voraussetzung ist allerdings, dass die Qualität des digitalen Substituts stimmt. Sie ist wiederum der Schlüssel zur künftigen Monetarisierung. Improvisierte Notlösungen sind nur in Ausnahmesituationen akzeptabel.

https://www.hdt.de
https://www.hdt.de/digitaler-campus-hdt

Über den Autor: Michael Graef verantwortet im Haus der Technik (HDT) als Deutschlands ältestem technischen Weiterbildungsinstitut die Unternehmenskommunikation. Der Journalist ist zugleich Co-Founder einer Verlags- und Beratungsgesellschaft und unter anderem Mitherausgeber eines viel beachteten Design-Journals.
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